Drei Abende, drei Tools: Wenn Ehrenamt-Software plötzlich machbar wird

Ehrenamtliche Organisationen brauchen eigene Software - konnten sie sich aber nie leisten. Wie AI das gerade ändert, und warum Deployment-Wissen wichtiger ist als Code-Kenntnisse.

· 10 Min. Lesezeit

Ehrenamt braucht eigene Software. Bisher konnte sich das niemand leisten. Das hat sich geändert.

Drei Projekte, drei Abende, keinen Code selbst geschrieben. Alle in Produktion. Eins davon - eine Offline-PWA für Drohneneinsätze im Katastrophenschutz - habe ich im letzten Post beschrieben. Dort war tiefes Domain-Wissen die Grundlage: Jede SORA-Berechnung spezifiziert, jede Prozedur validiert.

Papier fliegt nicht: Wie eine PWA die Drohnen-Checkliste im Katastrophenschutz ablöst
Wie ich mit AI eine Offline-PWA für Drohneneinsätze im Bevölkerungsschutz gebaut habe - und warum Domain-Wissen wichtiger ist als Prompts.
rubeen.dev/blog/papier-fliegt-nicht

Die zwei neuen Tools sind eine andere Geschichte. Kein tiefes Domain-Wissen. Kein zeilenweises Spezifizieren. Nur ein Problem, ein Prompt - und eine AI, die den Rest macht. Als Software-Engineer war mein Job nicht, Code zu schreiben. Sondern zu wissen, was am Ende rauskommen muss.

Was fehlt - und wem

Knapp 27 Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich ehrenamtlich. Sie organisieren sich in über 650.000 Vereinen, Hilfsorganisationen und Initiativen. Was all diese Organisationen gemeinsam haben: Sie arbeiten mit den Tools, die sie sich leisten können. Und das sind selten die richtigen.

Zwei Probleme, die ich aus dem Ehrenamt kenne:

Feedback nach Übungsabenden. Die Leitung will wissen, wie es lief. Bisher: mündlich fragen, Zettel einsammeln, oder - am häufigsten - gar nicht. Was es bräuchte: QR-Code scannen, bewerten, Freitext hinterlassen. Anonym. Die Leitung sieht Trends über Zeit. Nicht komplizierter als eine Umfrage - aber es gibt kein Tool dafür, das self-hosted läuft und DSGVO-sauber ist.

DA-Feedback
Anonymes Feedback-System für DRK-Dienstabende

Dateien sicher teilen. Dokumente, Fotos, Protokolle - intern teilen, ohne Dropbox, ohne WeTransfer, ohne Cloud-Abo. Passwortschutz, Download-Limits, Ablaufdatum. Self-hosted, auf dem eigenen Server, keine Daten bei Dritten.

Easy Fileshare
Self-hosted Filesharing mit Passwortschutz und Download-Limits

Beides ist banal. Feedback-Formulare und Filesharing - das sind keine ungelösten technischen Herausforderungen. Die Lösungen existieren. Aber nicht für Vereine.

Der Grund ist Mathematik. Eine Individuallösung bei einer Agentur kostet schnell fünfstellig. Die Hälfte aller gemeinnützigen Organisationen in Deutschland hat weniger als 10.000 Euro Jahresbudget - insgesamt.

Das Budget reicht für das Problem, aber nicht für die Lösung. Bisher.

Abend eins, Abend zwei

Also gut. Wie sah das konkret aus?

Bei da-feedback war die Ausgangslage simpel: Wir brauchen ein anonymes Feedback-Tool für Dienstabende. QR-Code scannen, Schulnoten vergeben, fertig. Ich habe das Problem beschrieben - nicht die Lösung. Den Stack hat die AI gewählt: Go, SQLite, HTMX. Ich habe abgenickt. Ob ich Go-Templates im Detail verstehe? Nein. Musste ich auch nicht. An einem Abend stand ein Docker-Container mit CI/CD-Pipeline. Von Null auf deployed.

Bei easy-fileshare dasselbe Muster. Problem beschrieben: Dateiablage mit Zugriffskontrolle und Ablaufdaten. Die AI hat Next.js und MinIO gewählt. Chunked Uploads, OIDC-Authentifizierung, Download-Limits - alles AI-generiert. Ich habe getestet, ob die Uploads funktionieren. Den Upload-Code gelesen? Nein.

Ich sage das nicht als Geständnis. Ich sage das als Fakt. Ich habe den Code nicht gelesen. Die Architekturentscheidungen - Go statt Node, SQLite statt Postgres, HTMX statt React - habe ich meist nur abgenickt.

Und jetzt der Teil, der wichtig ist: Das ist kein Kontrollverlust. Es ist eine Entscheidung.

Ich bin Software-Engineer. Ich könnte den Code lesen. Ich könnte jede Architekturentscheidung hinterfragen, jede Dependency prüfen, jeden Edge Case durchdenken. Aber bei einem internen Vereinstool mit einer Handvoll Nutzern? Die Frage ist nicht, ob ich den Code gelesen habe. Die Frage ist, ob ich weiß, was passiert, wenn er nicht funktioniert. Und die Antwort ist: Dann fixe ich es. Oder die AI fixt es. Das Risiko ist ein Abend verlorene Arbeit, nicht ein Produktionsausfall.

Andrej Karpathy hat dafür einen Begriff geprägt: Vibe Coding - “you fully give in to the vibes, embrace exponentials, and forget that the code even exists.” Simon Willison hat die Grenze gezogen: Wenn du den Code reviewst und testest, ist es Softwareentwicklung. Wenn nicht, ist es Vibe Coding. Nach diesem Kriterium war das hier Vibe Coding. Und es hat funktioniert - nicht, weil Vibe Coding generell eine gute Idee ist, sondern weil die Stakes niedrig waren und ich als Engineer einschätzen konnte, dass sie niedrig sind.

Die Frage ist nicht, ob du den Code gelesen hast. Die Frage ist, ob du weißt, was passiert, wenn er nicht funktioniert.

Was ich nicht prompten musste - und was schon

Die AI hat bei beiden Projekten den Stack gewählt, das Datenbankschema entworfen, UI gebaut, Auth implementiert, API-Routen definiert, Rate Limiting eingebaut. Beeindruckend. Aber es ist nur die halbe Wahrheit.

Was ich wissen musste - auch wenn ich es nicht selbst implementiert habe:

Kein einziger dieser Punkte ist Code-Wissen. Das ist System-Wissen. Infrastruktur-Wissen. Deployment-Wissen.

Die unsichtbare Schwelle

Hier liegt der blinde Fleck der Vibe-Coding-Debatte. Karpathy spricht vom Code - “forget that the code even exists.” Aber Code ist nicht der Bottleneck. Deployment ist der Bottleneck.

Wer keine Ahnung von Docker hat, bekommt eine App, die lokal läuft. Wer nicht weiß, was OIDC ist, bekommt eine App ohne Auth. Wer CI/CD nicht kennt, baut nach jeder Änderung manuell ein neues Image. Wer nicht weiß, wie ein Service öffentlich erreichbar wird, bekommt eine App auf Port 3000 - erreichbar für niemanden außer sich selbst.

Was AI entschieden hatWas ich wissen musste
Go als Sprache, HTMX für InteraktivitätDass Docker für Deployment nötig ist
SQLite als Datenbank, Goose für MigrationenDass SQLite für den Use Case reicht
OIDC-Flow mit PocketIDWie ich den OIDC-Provider konfiguriere
Next.js mit App RouterDass ein automatischer Image-Build zum Produkt gehört
MinIO für S3-kompatiblen StorageWelche Storage-Optionen es gibt und welche Fragen ich stellen muss
Tailwind für StylingWie Cloudflare Tunnel den Service erreichbar macht
Rate Limiting pro IPWie ich das Docker-Image auf meinen Server bekomme

Die linke Spalte ist austauschbar. Ob Go oder Rust, ob Next.js oder Remix - die AI hätte jeden Stack genommen und es hätte funktioniert. Die rechte Spalte ist nicht austauschbar. Ohne dieses Wissen bleibt die App ein Localhost-Projekt.

Vibe Coding braucht kein Code-Wissen. Es braucht Engineering-Wissen. Das ist nicht dasselbe - und genau das macht den Unterschied zwischen einer Demo und einem Produkt.

Wo die Grenze verläuft

Engineering-Wissen macht aus einer Demo ein Produkt. Aber es gibt noch eine zweite Frage: Wann reicht das Produkt - und wann braucht es mehr?

Bei der UAV-App wäre “bau mir eine Drohnen-App” eine Katastrophe gewesen. Die AI hätte SORA-Berechnungen erfunden, Prozeduren halluziniert, Wetter-Grenzwerte geraten. Im besten Fall nutzlos. Im schlimmsten Fall gefährlich - weil jemand sich auf falsche Werte verlässt.

Bei da-feedback und easy-fileshare war die Spezifikation überschaubar - ein paar Absätze, die das Problem und die gewünschten Features beschreiben. Kein Vergleich zu den seitenlangen Prozeduren der UAV-App. Und wenn die AI etwas falsch implementiert hat? Dann war das ein UX-Problem, kein Sicherheitsrisiko.

Wer sich fragt, warum Tool-Aufrufe in Agent-Systemen nicht trivial sind - dasselbe Prinzip gilt hier:

Tools sind keine Prompts: Warum Agent-Aktionen Idempotenz, Auth und Audit benötigen
Ein Tool-Call kann Geld bewegen und Konten verändern. Warum Idempotenz, Auth und Audit in Agent-Architekturen keine Kür, sondern Pflicht sind.
rubeen.dev/blog/tools-sind-keine-prompts

Die Grenze verläuft nicht bei “Vibe Coding ja oder nein”. Sie verläuft bei den Fehlerkosten:

Alle drei Projekte sind Open Source - weil genau das der Punkt ist. Über 650.000 Organisationen in Deutschland stehen vor ähnlichen Problemen. Die meisten werden nie einen Entwickler beauftragen können. Aber vielleicht haben sie jemanden, der ein Problem sieht, der weiß, wie Software ausgeliefert wird - und der bereit ist, einen Abend zu investieren.

DA-Feedback
Anonymes Feedback-System für DRK-Dienstabende
Easy Fileshare
Self-hosted Filesharing mit Passwortschutz und Download-Limits

Ehrenamt braucht keine Entwickler-Abteilung. Es braucht Leute, die Probleme verstehen und wissen, was Software braucht, um zu laufen.

Die Software war nie das Problem. Das Problem war, dass sie niemand bauen konnte, der sie brauchte. Das ändert sich gerade.